Land unter im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

Chronologie einer Katastrophe

Das obere Loisachtal mit seinen betroffenen Gemeinden Garmisch-Partenkirchen, Farchant, Oberau, Eschenlohe, Murnau und Großweil wurde in der Vergangenheit von heftigen Hochwassern heimgesucht. Unvergessen sind die Bilder des völlig überfluteten Eschenlohes Pfingesten 1999 und die Seenlandschaft, die die Überflutung der Loisach und aller Zuflüsse verursacht hatte.

Montag, 22.August 2005

Tagelanger Dauerregen hat alle Bäche und Flüsse anschwellen lassen. Am Nachmittag steigen die Pegel sprunghaft. Hunderte Helfer von Freiwilliger Feuerwehr, THW und Gemeinde, Anwohner und Nachbarn schlichten Sandsäcke in Partenkirchen auf. Um 18.20 tritt der Katzenbach über die Ufer, die Lage an Kanker, Partnach und Loisach wird ständig beobachtet. Um 20.00 Uhr wird Katastrophenalarm für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen ausgelöst. Die Situation an der Kanker in Partenkirchen und an der Loisach in Eschenlohe spitzt sich zu. Es erfolgt die sofortigen Sperrung der Bahnlinie von Murnau nach Garmisch-Partenkirchen. Der Wetterdienst gibt eine Unwetterwarnung für den Landkreis heraus. Es wird die höchste Meldestufe der Pegel erwartet. Um 21.47 Uhr wird die Staatstraße Linderhof-Plansee für den Verkehr gesperrt, nachdem eine Mure auf österreichischer Seite abgegangen ist.

Dienstag, 23.August 2005

In den frühen Morgenstunden überflutet die Loisach die B23 zwischen Garmisch und Grainau, die Ausreise nach Österreich über Ehrwald ist somit unterbrochen. Im benachbarten Ausserfern treten die Loisachzuflüsse über die Ufer, Leermoos wird überflutet.
Um 2.45 Uhr beginnt die Evakuierung Eschenlohes. Helfer des Roten Kreuzes und der Bundeswehr bringen Einwohner und Urlauber im Schulgebäude und in der Kaserne in Murnau unter.
Gegen 3.00 Uhr überflutet die Ammer Teile der Bundesstraße 23 bei Saulgrub und mehrere Häuser.
Um 4.15 Uhr beginnt der Kampf der Oberammergauer Feuerwehr und vieler freiwilliger Helfer, die Kläranlage des Passionsspielorts vor den Ammerfluten zu sichern und einen Rückstau in das Abwassersystem zu verhindern.
Um 5.15 Uhr verlieren in Partenkirchen die Helfer von Feuerwehr und THW den Kampf gegen die ungebremste Kraft des sonst so friedlichen Baches Kanker. Kreisbrandmeister Hannes Eitzenberger: "Die Natur ist eben doch stärker!"
Von nun an gilt es, die Wassermassen in einem künstlichen Bett entlang der Mittenwalder und Hauptstraße bis zum südlichen Ortsende zu führen und dort ins freie Feld hinaus zu leiten - eine Maßnahme, die größtenteils gelingt und die massive Überflutung von Tiefgaragen und Kellern verhindert.
In Eschenlohe läuft die Evakuierung auf Hochtouren, jedoch wollen viele Einwohner Ihre Häuser nicht kampflos aufgeben. Der Loisachpegel misst bereits bedrohliche 3,57m (Pegel 1999: 3,72m). Die Bundesstraße 2 ist zwischen Eschenlohe und Oberau überflutet, der Kreisort nur nach über die B23 Oberammmergau-Oberau erreichbar.
Um 9.24 tritt die Loisach bei Eschenlohe über die Ufer. Der östliche Ortsteil ist bereits überflutet, -und alle Bemühungen, den Westteil mit Deichüberbauungen aus Betonsteinen und Sandsäcken zu halten sind zu Nichte gemacht! In Garmisch-Partenkirchen wird ein allgemeines Fahrverbot verhängt; die Brücken über Partnach und Loisach gesperrt.
Um 9.45 sind im Gebiet Garmisch-Partenkirchen über 700 Helfer der Feuerwehren, THW, Polizei, Rotes Kreuz und Bundeswehr im Einsatz. Der Kreisort ist von der Aussenwelt abgeschnitten, die Strecken Murnau-Schwaiganger, Murnau-Bad Kohlgrub und Klais-Mittenwald überflutet.
Gegen 10.00 Uhr tritt die Loisach und die Partnach im Ortsgebiet von Garmisch-Patenkirchen an mehreren Stellen über die Ufer - und langsam werden die Helfer knapp.
Die THW-Nachalarmierung läuft auf Hochtouren - und Bürgermeister Thomas Schmid wendet sich über Rundfunkdurchsage an die Bevölkerung. Nach kurzer Zeit finden sich im Bauhof 200 Freiwillige ein, um Sandsäcke zu befüllen und zu verteilen! Eine halbe Stunde später folgt die endgültige Evakuierung des Campingplatzes in der Schmölz nahe Grainau. Die 90 Urlauber werden zunächst in einer Schule, dann in der Bayernhalle untergebracht.
In Eschenlohe ist ein Bundeswehrhubschrauber mit Wasserluftrettern der Wasserwacht im Einsatz zur Evakuierung der Wohngebiete nördlich der Loisach.
Die Lage spitzt sich weiter zu, die Straßenabschnitte Murnau-Ohlstadt und Oberau-Eschenlohe sind gesperrt, ebenso die Autobahn A95 ab Sindelsdorf. Die Ammer erreicht in Oberammergau um Viertel nach Elf ihren höchsten Pegel mit 3,21. Ab 3,50m würde sie die Verbauung überschwemmen und das Ortsgebiet fluten. Die Lage insgesamt wird mittlerweile dramatischer als 1999 eingestuft.
Um 12.00 Uhr treffen Vertreter der Einsatzkräfte im Landratsamt zu einer Krisensitzung zusammen.
Gegen 13.00 Uhr gibt der Damm in Eschenlohe nach und die Loisachbrücke droht einzubrechen. Der Pegel steigt weiter und erreicht eine halbe Stunde später 4,21m. Die letzten Anwohner, die ihre Häuser nicht kampflos aufgeben wollen, werden aufgefordert, Eschenlohe zu verlassen. Mit schwerem Gerät und Dammaufschüttungen leiten die Einsatzkräfte die Loisach durch den Ort, um die Brücke zu entlasten und noch nicht betroffene Häuser zu schonen.
Um 14.52 Uhr wird fallender Pegel gemeldet. Die Loisach misst in Garmisch 3,51m und in Eschenlohe 3,81m. Die Isar bei Mittenwald hat immer noch Meldestufe vier bei einem Pegel von 3,08m.
Gegen vier Uhr entspannt sich die Lage zusehends. Eschenlohe meldet 3,74m, Garmisch 3,41m. Die Partnach als größter Loisach-Zufluß steht bei 1,88m. In Oberammergau reduziert sich der Ammerpegel auf knapp 3 Meter.
Um 16.15 Uhr wird das Fahrverbot in Garmisch aufgehoben, eine Viertel Stunde später ist Garmisch wieder über Oberau - Oberammergau auf dem Landweg erreichbar. Zu dieser Zeit beträgt die Anzahl der eingesetzten Helfer von Feuerwehr und THW 400, verstärkt um 550 Soldaten der Bundeswehr!
Um 19.15 Uhr beträgt der Loisachpegel in Garmisch noch 3,11 Meter Tendenz fallend.
Das große Aufräumen beginnt: Aufgeschwemmte Heizöltanks müssen gesichert werden, Keller und Tiefgaragen ausgepumpt

Mitwoch, 24.August 2005

Das Beräumen und Leerpumpen ist im vollen Gange. Da, wo das Wasser weicht, werden die Schäden, die es angerichtet hat, sichtbar. Jeder noch so kleine Bach oder Graben hat Geröll und Treibholz über Straßen und Garten verteilt. Das Übungsgelände des THW Ortsverbands, auch bachdurchflossen, sieht aus wie eine Geröllrinne.
Der Golfplatz zwischen Burgrain und Garmisch gleicht einem idyllischen See und wird von Kajaks und Booten befahren! Überall lärmen Pumpen und Schläuche befördern die schmutzigbraune Soße aus den Kellern.
Im Laufe des Tages treffen der Bundesinnenminister Otto Schily, der bayerische Innenminister Dr. Günther Beckstein, der Präsident des THW Dr. Georg Thiel und der Bayerische Landesbeauftragte Dietmar Löffler in Partenkirchen ein, um sich vor Ort ein Bild über die Katastrophe zu machen.
Sie werden vor Ort von dem örtlichen Einsatzleiter und stellvertretendem Ortsbeauftragtem Anton Huber, sowie dem Kreisbrandrat Hannes Eitzenberger umfassend informiert, bevor sie nach Eschenlohe weiterfliegen. Der Fahrdienst, bestehend aus einem Feuerwehr- , einem THW-Jeep und zwei THW-Ducatos, der die Delegation vom Hubschrauber abgeholt und auch wieder hingebracht hat, steht auch in Eschenlohe wieder zur Verfügung - die Fortbewegung mit Einsatzfahrzeugen in nahezu Hubschraubergeschwindigkeit ist in diesen Tagen Routine...
In den Nachmittagsstunden bis in den Abend hinein ist das THW unter anderem auch noch damit beschäftigt einen teilunterspülten Stadel zu sichern, damit dieser nicht in die Partnach stürzt und als Treibholz Schaden anrichtet. Die Rettung gelingt und der bereitgestellte Panzer der Bundeswehr, der den Stadel wieder an Land hätte ziehen können, kommt nicht zum Einsatz.
Am nächsten Morgen wird, mit Ausnahme der Ortsgebiete von Garmisch-Partenkirchen und Eschenlohe wegen der Ölgefahr, der Katastrophenalarm im Landkreis aufgehoben. Für viele geht ein Einsatz nach 62 Stunden mit wenig oder keinem Schlaf zu Ende, der allen Beteiligten das Äußerste abverlangt hat.

Im Ortsgebiet von Garmisch-Partenkirchen waren die OVs GAP mit 40 Helfern, München West mit 34 Helfern, Fürstenfeldbruck mit 16 Helfern, Nördlingen mit 25 Helfern, Eichstätt mit 16 Helfern und Roth mit 27 Helfern im Einsatz.
Die Hannibal-Pumpe des OV Schongau wurde zwar einsatzbereit vorgehalten, aber nicht benötigt.

Einsatzschwerpunkt war zunächst die Kanker in Partenkirchen mit Dammüberhöhung und nach deren Überflutung , die Wasserlenkung durch die Hauptstraße.
Mit den Kameraden aus Fürstenfeldbruck konnte in Burgrain die Trafostation gehalten werden. Der komplette Abschnitt Burgrain wurde durch THW-Kräfte abgearbeitet und zahlreiche Keller ausgepumpt. Aufgeschwemmte Tanks wurden ebenfalls gesichert und vor dem Umstürzen und Auslaufen gehindert.
Die Einsatzkräfte der Feuerwehren und Bundeswehr in Eschenlohe wurden von Kameraden vieler OV s unterstützt: u.a.: München Mitte, Neumarkt/Opf., Sulzbach, Oberviechtach, Pfaffenhofen/Ilm, Amberg und Lauf. Sie alle haben ihr Scherflein dazu beigetragen, dass weit größerer Schaden abgewendet wurde und weder an Menschen noch an Tieren Verluste zu verzeichnen waren.

Text: Hermann Märkl Photos: Ralf Horneber